4. Dezember 2019

Bytes, UX und das Klima

„Ich bin Designer, weil ich Produkte erschaffen will, die die Welt verbessern.“

Diesen Satz bekommt man in der Agenturlandschaft 2019 durchaus häufiger zu hören und ich gebe zu, mir ist er bestimmt auch schon einmal über die Lippen gehuscht.

Aber wo bleibt denn nun diese bessere Welt? Glaubt man meinem Smartphone, sollten wir doch längst dort sein: Die 64 Gigabyte Speicher, die mein Handy mir zur Verfügung stellt, sind voller Apps mit nachhaltigen Lösungen, für jedes denkbare Problem. Ich nutze Carsharing, rette Essen, verschenke Essen, bekomme angezeigt, wo ich diesen Artikel auch plastikfrei kaufen kann und wenn ich sehe, dass jemand seinen Müll nicht trennt, düse ich mit dem Fahrrad um die Ecke und sorge für Gerechtigkeit.

Nun gibt es einen Haken an diesem Lifestyle, den ich so lebe und predige: Daten verbrauchen Strom. Und das nicht zu wenig. Mozilla berichtete 2018, das Internet verbrauche mit seinen Rechenzentren so viel Strom, wie der globale Luftverkehr, der Klimakiller schlechthin (1).

Die Zwickmühle mit meinen geliebten Apps ist also folgende: Wenn ich per Smarthome-Applikation das Licht ausschalte, um Strom zu sparen, wirkt der Stromverbrauch des Datenverkehrs, den ich damit erzeuge, ihm wieder entgegen.
Als User Experience Designer ist das für mich ein ziemliches Problem, denn ich gestalte das digitale Produkt natürlich so, dass der nichtsahnende Nutzer so viel Freude daran hat, dass er es möglichst häufig und lange benutzt.

Solange wir diesen Datenverkehr nicht in nachhaltige Bahnen lenken, wird das wohl nichts mit der besseren Welt.

Und jetzt? Hört sich unglaubwürdig an, aber im Punkt des nachhaltigen Hostings von Onlinediensten kann man sich tatsächlich einiges von den Gobal-Playern der IT-Branche abschauen: Facebook und Google betreiben den größten Teil Ihrer Rechenzentren mit erneuerbaren Energien und verfolgen seit 2011, bzw. 2012, das Ziel, auf 100% grünes Hosting umzustellen (2). Das Betreiben von Rechenzentren voller leistungsstarker Server und Kühlungen mit Öko-Strom, hilft uns damit schon einmal etwas aus der Bredouille.

Also: Augen auf bei der Wahl des Hosts! Und vielleicht auch mal den Kunden fragen, für den die App entwickelt wird, wo er denn gedenkt die benötigte Rechenleistung herzunehmen – der will ja beim Rennen um die grüne Krone auch nicht abfallen.

Dann stellt sich mir noch die Frage, wie ich als Designer von Apps, Websites und sonstigen digitalen Produkten dabei helfen kann, diese nachhaltig zu gestalten. Wenn die Herausforderung von nachhaltigen digitalen Services also darin liegt, dass wir möglichst wenig Daten transferieren und speichern, können wir dann nicht einfach weniger Daten dafür zur Verfügung stellen?
Jede Animation, jedes hochauflösende Bild und jede redundante Information, die wir in unsere Produkte einbauen, müssen übertragen werden. Ich will nicht dafür plädieren unsere schicken JavaScript-Libraries für immer zu schließen und jede Farbveränderung von Buttons zu löschen, die uns doch so intuitives Feedback gibt, wenn man sie mit der Maus entdeckt. Aber vielleicht verwandelt sich der Bestätigungsknopf nicht unbedingt in eine tanzende Giraffe, wenn man ihn klickt, sondern schickt uns einfach auf die nächste Seite.

Auf https://www.websitecarbon.com/ könnt ihr übrigens nachschauen, wie viel CO2 eure Website emittiert. Der Rechner nutzt dazu eine Studie von ACEEE, die 2012 untersucht hat, welche Knotenpunkte einer Datenübertragung wie viel Strom verbrauchen.

Dieter Rams hat schon in den 90ern publiziert, gutes Design sei so wenig Design wie möglich. Kommt uns die neue Notwendigkeit von Reduktion also sogar entgegen?

Wenn ich das nächste Mal an einem Produkt arbeite, mit dem ich die Welt verbessern will, werde ich daran denken.

Daniel - Praktikant Kreation

 

(1) (https://internethealthreport.org/2018/das-internet-verbraucht-mehr-strom-als/?lang=de)
(2) (http://www.greenpeace.org/usa/global-warming/click-clean/#top)